Das versunkene Dorf im Reschensee – was steckt dahinter?

Kirche im Wasser Reschensee

Das kleine Land in Norditalien, Südtirol, lockt jährlich Tausende Touristen an. Das verwundert nicht: All jene Menschen, die bereits einmal einen Blick auf die malerische Berglandschaft der Dolomiten und der vielen anderen Bergketten geworfen, die zahlreichen Museen besucht, die wilden Naturparks sowie die herrlichen Südtiroler Seen erkundet haben, wissen, wo die Schönheit in Südtirol zu finden ist. Ein unglaubliches Spektakel hat sich jedoch am Reschensee im Vinschgau abgespielt. Als Südtirol-Fan hast Du sicherlich schon mal vom Reschensee und dem versunkenen Kirchturm gehört. Was wirklich dahinter steckt und welche Besonderheiten der Reschensee für dich als Besucher zu bieten hat, erfährst Du in unserem Beitrag. Bleib dran.

 

Die traurige Geschichte: Warum steckt im Reschensee der Kirchturm im Wasser?

Vielleicht hast Du bereits einmal vom versunkenen Kirchturm im Reschensee gehört? Wenn nicht, dann wird es dir im Ersten Moment wahrscheinlich wie ein bearbeitetes Photoshop-Bild vorkommen – dem ist aber nicht so. Hierbei handelt es sich um die pure Realität und einer traurigen Vergangenheit, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts am Reschensee zugetragen hat.

Damit Du einen besseren Einblick in das bekommst, was wirklich geschehen ist, schau dir am Besten dieses Video an.

Wir schreiben das Jahr 1920. Bereits zu dieser Zeit hatte die italienische Regierung das Vorhaben wieder aufleben lassen, den Wasserspiegel um fünf Meter anzuheben. Diese leichte Erhöhung wäre kein Problem gewesen, da dadurch die dort liegenden Dörfer Graun und Reschen nicht beeinträchtigt worden wären. Doch ein paar Jahre später, zur Zeit des Beginns vom Zweiten Weltkrieg (rund um das Jahr 1939) wurde der nächste Schritt eingeleitet. Der italienische Großkonzern Montecatini wollte den See um 22 Meter stauen – diese Anhebung ist jedoch nicht möglich, ohne die beiden Dörfer in Mitleidenschaft zu ziehen. Dadurch, dass in den darauffolgenden Jahren der Zweite Weltkrieg wütete, verzögerte sich alles. Die Bevölkerung war natürlich beruhigt und hoffte darauf, dass dieses Vorhaben nicht zur Realität wird. Doch da hatten sie sich getäuscht: Bereits zwei Jahre nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges ging es los (Jahre 1947). Natürlich legte sich die Bevölkerung sowie auch der Pfarrer ins Zeug, um das Vorhaben weitestgehend abzulehnen. Die Vorsprache ging sogar bis nach Rom – doch all der Einsatz führte nicht zum gewünschten Ergebnis.

Im Jahre 1950 startete die Aktion – mit dem Schließen der Schleusen begann das Aufstauen des Sees. Über 150 Familien verloren ihre Existenz. Der Wasserspiegel stieg langsam an, die Häuser wurden überschwemmt und am Ende gesprengt, damit das Wasser im See fertig angestaut werden konnte.

 

 Wie ging es den Familien?

Die Grauner wurden ihrer Häuser beraubt und mussten in ein Notlager am Ausgang vom Langtauferer Tal unterkommen. Die Bewohner vom Reschen hingegen hatten es ein bisschen leichter, da in diesem Dorf ein paar zusätzliche Häuser gebaut wurden, die vielen Frauen, Männern und Kindern Unterschlupf boten.

Dank dieser Informationen erfährst Du, warum der Turm aus dem See ragt – ein schönes Bild, bezaubernd und anmutig – der Hintergrund jedoch ist traurig und schrecklich zugleich.

Wir haben eine Zeitzeugin interviewt, sie war damals live dabei und erzählt uns ihre Erinnerungen zu den damaligen Geschehnissen. Zum Interview (Minute 03:35)

 

Allgemeines über den Reschensee – Fakten und Aktivitäten

In diesem Zusammenhang möchten wir dir natürlich nicht nur die Schreckensgeschichte vom Reschensee erzählen. Auch wenn die damalige Zeit für die Bewohner hart war, ist der Reschensee heutzutage ein interessantes Ziel für viele Touristen, die extra ins Vinschgau anreisen, um hier Urlaub zu machen oder jenen, die auf der Durchfahrt nach Österreich oder Italien sind.

Der Reschensee überzeugt nicht nur mit der Kirche, sondern mit tollen Fakten:

  • Die Länge des Sees liegt bei sechs Kilometern, die Breite hingegen wurde mit einem Kilometer gemessen.
  • Die Fläche beträgt insgesamt 6,8 Quadratkilometer.
  • Wer den See umrunden möchte, legt eine Strecke von etwa 15,5 km zurück.
  • Der See umfasst eine Wassermenge von 116 Millionen Kubikmeter Wasser.
  • Die Staumauer ist 470 Meter lang, 30 Meter hoch.

Heutzutage sind der Reschensee und das Dorf für viele Einheimische sowie Touristen ein schönes Ziel, um herrliche Auszeiten zu erleben. Die idyllische Landschaft, in der der See eingebettet ist, überrascht mit Ruhe, Natur und einer wundervollen Bergkulisse.

In der wärmeren Jahreszeit nutzen aktive Menschen den See, um lange Spaziergänge, Touren mit dem Fahrrad, Joggingrunden oder mit den Inline Skates zu machen. Doch nicht nur an Land kann diversen sportlichen Aktivitäten nachgegangen werden. Die optimalen Windbedingungen sorgen dafür, dass Wasserliebhaber zum Kiteboard greifen. Theoretisch könnte man im Reschensee auch tauchen – dadurch, dass es dort aber sehr schlammig ist und der See selbst keine bezaubernde Flora und Fauna bietet, ist es für die meisten Taucher nicht attraktiv. Der Reschensee-Lauf ist nicht nur bei Einheimischen beliebt – viele Läufer treffen sich an dem besonderen Tag und umrunden den malerischen See. Die Länge der Tour ist ca. 15,3 km, die Bestzeit liegt bei etwas über 48 Minuten.

In den kalten Monaten überrascht das nahe gelegene Skigebiet Schöneben mit zahlreichen Liften und einer atemberaubenden Bergkulisse, die zum Skifahren, Snowboarden, Langlaufen oder Rodeln beliebt ist. Doch auch der See selbst kann für diverse Aktivitäten genutzt werden: Viele Menschen genießen einen ruhigen Winterspaziergang in der romantischen Landschaft, während andere die Zeit mit Eissegeln verbringen.

 

Reschensee ohne Wasser: Das Dorf "Altgraun" taucht wieder auf

Reschensee Ruinen

Die Situation am Reschensee sieht aktuell ein bisschen anders aus – der Reschensee ist fast leer. Während im Jahre 1950 das Ziel war, den Wasserstand zu erhöhen, hat man im Jahr 2021 das Wasser des Reschensees abgelassen. Dies hat einen einfachen Grund. In regelmäßigen Zeitabständen müssen speziell dafür angestellte Firmen Wartungsarbeiten am See vornehmen. Bereits im Jahre 2009 wurden eine spezielle Restaurierung des Kirchturms vorgenommen, welche über mehrere Wochen ging.

Dadurch, dass der Wasserstand so tief gesunken ist, konnten Bewohner und Schaulustige Umrisse bzw. Reste von alten Gebäuden von Altgraun erkennen. Vermutlich sind die Reschensee „Ruinen“ für viele ein sehr interessanter Anblick – während es für die Einheimischen höchstwahrscheinlich einen Stich ins Herz bedeutet und an die schreckliche Vergangenheit erinnert. 

Diese seltenen Bilder wollten wir euch nicht vorenthalten, deshalb waren wir selbst vor Ort und haben ein paar exklusive Aufnahmen der Ruinen Altgrauns gemacht, aber seht selbst:

Die Wartungsarbeiten sind abgeschlossen, das Wasser wird wieder eingelassen und der Spiegel erhöht sich langsam – damit verdeckt der Reschensee Graun und seine Geschichte wieder.

Der Reschensee überrascht mit seiner Geschichte – warst Du bereits einmal dort?


1 Kommentar


  • Steffen

    Wieder was dazu gelernt (Traube Post)
    War im Dommer da auf der Via Augusta Mt dem Rad unterwegs. Auch eine absolute Empfehlung.
    Freue mich auf Folge II


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